Etappe 0: Von Braunschweig nach Sundsvall

Morgens um 3.30 Uhr klingelte der Wecker. Ich hatte die Anreise mit allen erdenklichen zeitlichen Puffern ausgestattet. Nichts konnte bei dieser Planung schief gehen.

Pünktlich um 04.58 Uhr bestieg ich den Regionalexpress nach Hannover, stieg in den ICE nach Hamburg Hbf und wollte dann pünktlich in die Linie S1 steigen, um zum Flughafen nach Fuhlsbüttel zu gelangen.
Aufgrund von Bauarbeiten verzögerte sich die Ankunftszeit um insgesamt 15 Minuten. Halb so wild, ich hatte alles so geplant, dass ich jeden der notwendigen Züge einmal hätte verpassen können, um dennoch 1h und 45 Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein.
Mit den 15 Minuten waren es ja noch satte 2h 30 Minuten.
Und am Schalter war keine große Schlange, auch wenn nur ein Schalter besetzt war, habe ich mich schon auf einen schönen Kaffee nach der späteren Sicherheitskontrolle gefreut.
Und dann passierten Dinge, die mich in Windeseile haben altern lassen.

Zunächst fielen die Computer aus bzw. hatten Fehlfunktionen. Ich sah an dem Nachbarschalter Techniker, die sich seelenruhig und offenbar nicht besonders erfolgreich mit der Infrastruktur beschäftigten. Es spielten sich erste Dramen ab; Familien erreichten nicht mehr rechtzeitig Ihr Gate. Nach etwa einer Stunde, hatte sich die Schlange nur dadurch verkürzt, dass erste Fluggäste sich an Self-Checkin-Terminals stellten, um sich die Boarding-Karten dort zu ziehen, um dann anschließend das Gepäck auch über einen Self-Service aufgeben zu können. Interessant, wie sich dort schnell Trauben bildeten und die intuitiv gestaltete Benutzerführung die Fahrgäste nicht so schnell oder gar nicht zum Ziel führte.

Ich sah den Service-Mitarbeiter immer intensiver sein Festnetztelefon und/oder sein Handy nutzen, um vermutlich von einer fachlich gut aufgestellten Hotline die richtigen Antworten auf seine und der immer emotionaler werdenden Fluggäste zu erlangen. Trotz des Lärmes in der Abfertigungshalle war das auflegen des Hörers auf die Gabel des Festnetztelefons deutlich zu hören. Inzwischen war mein Puffer auf 1h und 15 Minuten geschmolzen. OK, der Kaffe entfällt dann, dachte ich. Noch wird es aber nicht hektisch.

Inzwischen kam der Supervisor zu dem bedauernswerten Service-Mitarbeiter und stärkte ihm durch seine pure Anwesenheit den Rücken. Ich erkannte erste Schweißperlen auf seiner Stirn. Nun begann ich mir Sorgen zu machen. Nach und nach rückten Service-Mitarbeiterinnen an, die den verzweifelten Fluggästen an den Self-Service-Stationen durch die intuitiv gestaltete Benutzerführung halfen. Die Trauben lösten sich allmählich auf.
Da nach weiteren 15 Minuten die Warteschlange vor dem Schalter weiterhin statisch blieb, wechselte ich die Strategie.

Ich gewann eine der Service-Mitarbeiterinnen, mir durch den ersten Self-Service zu helfen, jedoch gelang es nicht mit der Gepäckabgabe, weil in dem Moment, in dem ich meinen fein verpackten Rucksack auf das Band legte, das Transportband ausfiel. Ein Fehler in der Software, sagte mir die nette Service-Mitarbeiterin und fügte hinzu, dass dauere gewöhnlich nicht so lange. In der Tat lief das Band nach wenigen Minuten und gefühlten Stunden wieder.

Ich bedankte mich bei meiner Retterin und sprintete wie viele andere Fluggäste auch zur Sicherheitskontrolle, die zwar sämtliche Bereiche geöffnet hatte, aber den Andrang der anstürmenden und „entspannt“ erscheinenden Fluggäste kaum bewältigen konnte. Eine prominent angebrachte Uhr versüsste mir die Wartezeit in dieser Schlange.

Mit dem Start der Boarding-Time war ich schließlich an der Reihe und wurde wie immer nachkontrolliert. Die netten Sicherheitsbeamten bewunderten meine Wanderstiefel und konnte sie gar nicht genug anfassen und abtasten. Ein netter Smalltalk begleitete diese erforderliche Sicherheitsmaßnahme.

Schließlich war ich durch und stellte im Laufen zum Gate fest, dass dieses ganz am Ende des Terminals gelegen war. Ohne Rucksack flog ich durch die langen Gänge, überwand Treppen ohne sie zu berühren und gelangte rechtzeitig zum Gate, an dem sich der Boardingprozess noch um ein paar Minuten verzögerte.

Nach einem Zwischenstop in Stockholm war ich wieder normal temperiert und es ging mit einer kleinen Propellermaschine nach Sundsvall. Geplant war, von dem dortigen Flughafen einen Bus in das Zentrum von Sundsvall zu nehmen.
Nach der Ankunft am Flughafen, dessen Größe eher überschaubar und sehr pragmatisch ohne Sicherheitszonen konzipiert war, wunderte ich mich über die vielen wartenden Taxifahrer, die freundlich lächelnd Karten mit den Namen der abzuholenden Fluggästen hochhielten. Ich ging zum einzigen Schalter im Flughafen und erfuhr, dass keine Busse fuhren. Durch einen glücklichen Zufall blieb eines der Taxis unbelegt und ich konnte es zusammen mit einem niederländischen Pilger, den ich 30 Sekunden vorher kennengelernt hatte, nutzen. Gegen 16.30 Uhr stieg ich im Zentrum von Sundsvall aus dem Taxi.

Der problemlose Check-In in meiner Unterkunft, der angenehme Spaziergang durch Sundsvall nach einem ergiebigen Regen, das Abendessen in einem feinen Restaurant und ein schönes Bett haben mich wieder zurück gebracht. Ich freue mich auf eine schöne erste Laufetappe, auch wenn meine Wunschunterkünfte für die ersten zwei Tage nicht erreichbar waren und ich die Tour bereits vor Antritt neu schneiden musste. Improvisation ist alles.

Ein Kommentar zu “Etappe 0: Von Braunschweig nach Sundsvall

  1. Ich kann mir das eben bildlich vorstellen. Martin, bekannt für seine unglaubliche Ruhe, am Flughafen.
    Aber auch das gehört zum Pilgern, Demut üben…..
    Am Ende wird alles gut.
    Markus

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