Der Countdown to Santiago läuft. Heute mussten wir bereits aufgrund eines hohen Pilgeraufkommens in unserer Unterkunft 30 Minuten eher starten.Unter anderem wilderte eine Gruppe als kirchliche Pilger getarnte Bürgerinnen und Bürger aus Kleve die dargereichten frühmorgentlichen Speisen. Um ein Haar hätten sie mich in der Nähe des angebotenen Orangensaftes überrannt. Gott sei Dank durfte ich meinen Teller mit etwas Käse behalten.
Punkt 08.30 Uhr verließen wir unser Quartier. Seit heute ist einiges anders.
In Sarria starten viele Pilger auf ihren Jakosweg. Sarria ist der letzte Ort, von dem ein Pilger aus nach Santiago laufen kann, um seine Compostela, also den Ablassbrief für seine Sünden überreicht zu bekommen. Dementsprechend ist das Getummele, die vielen Quartiere in Sarria waren gut ausgebucht, alle wollen die letzten 114 km nach Santiago laufen.
Damit die geistlichen Ablassgeber den Überblick behalten, gilt ab heute eine besondere Stempelregel: an jedem Tag bis Santiago hat der Pilger wenigstens zwei Stempel zum Nachweis seiner lückenlosen Pilgerschaft vorzuweisen und diese in seinem Pilgerheft zu dokumetieren. Einen von unterwegs zum und einen am jeweiligen Tageszielort.
Der heutige Tag war geprägt durch ein stetiges Auf und Ab zwischen mauerumsäumten Wegen. Es war extrem schwül, der Schweiß rann mir über mein Gesicht. Auf etwa halber Distanz spielte ein in galicischen Trachten gewandeter Einheimischer gekonnt seinen Dudelsack mit keltischen Klängen. Trotz der Schwülwärme entstand eine Gänsehautatmosphäre.
Den Blick zurückwerfend gab es sehr mystische Impressionen. Die gerade noch durchwanderten Täler verschwanden unter bodennahen Nebelschwaden.
Den Blick nach vorne gerichtet passierten wir die 100 km-Marke nach Santiago. Was für ein bewegender Moment. Gestartet waren wir vor ca. einem Jahr bei mehr als 800 km!
Etwa 1,5 Stunden später schließlich ging es nach Portomarin, ein kleines wiederaufgebautes Städtchen oberhalb eines Stausees, in deren Tiefe das alte Portomarin liegt. Einzig die das Zentrum beherrschende Kirche San Juan, eine romanische Kirche mit wunderschönem Portal, wurde Stein für Stein versetzt, um sie vor der Flutung zu retten.
Frisch geduscht ist das Städtchen nach wenigen Minuten erkundet, die Zeit der mentalen Vorbereitung auf die Rituale des Abends ist in vollem Gange. Same procedure as every day.