Etappe 15 (34): Von Rua nach Santiago de Compostela

Es war ein merkwürdiges Gefühl, abends ins Bett zu gehen und morgens aufzustehen.Die letzte Etappe nach Santiago, der Endstation uneres Camino Francaise stand bevor. 20 km bis zum Ziel einer langen Reise.

Heute gingen Markus und ich getrennte Wege, jeder ging seinen Weg zu Ende. Ich brach 08.30 Uhr auf mit dem Ziel, die Pilgermesse um 12 Uhr in der altehrwürdigen Kathedrale vzu Santiago zu besuchen. Es galt also, die 20 km möglichst schnell zu überbrücken.

Der Weg selbst war zunächst unspektakulär, keine besonderen Steigungen, keine Vegetation, die ich nicht vorher gesehen hätte, etliche Pilger, nicht unerwartet viele oder wenige. Das Wetter hielt bis ca. 8 km vor dem Ziel, danach fing es kräftig an zu regnen.

Der erste besondere Moment war der Anstieg und der Anblick des Monte de Gozo, von dem aus man erstmals  Santiago de Compostela sehen kann. Mein Herz klopfte wie wild, ich umkreiste das auf dem Monte aufgestellte Pilgermonument und berührte es mit meinen Händen. Es war 11.07 Uhr. Ich wollte weiter zur Messe.

Von da aus begann ein steiler Abstieg, Emotionen überkamen mich, die Eile trieb mich weiter. Es ging durch die Vorstädte Santiagos auf dem historischen Pilgerweg in die Innenstadt, später in die Altstadt. Ich konnte für einen Moment die Kathedralentürme sehen, dann verschwanden sie hinter hohen Häuserschluchten. Ausgerechnet jetzt waren die Markierungen des Jakobsweges schlecht zu erkennen, es war inzwischen 11.30 Uhr.

An einem mit einem Brunnen versehenen Platz schließlich fragte ich nach dem kürzesten Weg zur Kathedrale. Eine Spanierin umarmte mich und gratulierte mir, den Weg beschritten zu haben und wies mir die letzten Meter zur Kathedrale. Mein Herz schlug mir förmlich aus dem Hals. Noch um eine Ecke, dann war ich am Ziel. Es war 11.40 Uhr.

Jetzt begannen 25 aufregende Minuten. Sicherheitskräfte ließen mich aufgrund meines Gepäcks nicht in die Kathedrale, ich wurde auf eine Abgabestelle verwiesen, die mir unerreichbar weit entfernt schien. Auf dem Weg dorthin kam ich an einem noblen Hotel vorbei und bat an der Rezeption um vorübergehende Entgegennahme meines Gepäcks natürlich gegen etwas Kleingeld – leider ohne Erfolg.
Es ging weiter zu der beschriebenen Abgabestelle des Gepäcks, gleichzeitig der Institution, wo der Pilger gegen Vorlage seines Passes die Compostela abholen konnte.
Am Eingang standen Sicherheitsleute, die das Gepäck durchsuchten, davor eine Schlange an Mitpilgern. Ich schaute zur Uhr, es war 11.50 Uhr.
5 Minuten später war ich durch und wollte mein Gepäck abgeben. Dazu musste ich allerdings begleitet durch eine Servicekraft erst an einen Schalter, um dort eine Gebühr in Höhe von 2 € zu entrichten. Damit bekam ich eine Quittung, eine Identifikationsnummer und damit die Berechtigung, mein Gepäck in einen Raum zu bringen, den ich erst noch finden musste. Eine Servicekraft half mir dabei, um 12 Uhr gab ich mein Gepäck ab und rannte zurück zur Kathedrale.
Dort angekommen, erklärten mir nun die Sicherheitskräfte, ich könne den Eingang nicht nutzen (heiliges Portal) und müsse erst noch um die Kathedrale herumlaufen. Es war inzwischen 12.05 Uhr, als ich die Kathedrale – vollbesetzt mit Pilgern – betrat, ein Chor sang, ich suchte mir eine Platz in einer Ecke dieser unglaublich schönen Kathedrale und sank auf einer Steinstufe nieder.

Jetzt erst kam ich zur Ruhe, die Predigt, die Gesänge, die durch die Traversale der Kathedrale geschwenkte mit Weihrauch gefüllte Tonne, die diesen besonderen Geruch verbreitete, all diese Eindrücke machten mich sehr egriffen. Ich schloss die Augen, in meinem Geist durchlebte ich in Minuten die Ereignisse der vergangenen knapp 12 Monate.

Gestartet am 12. Mai 2015 war ich nun nach insgesamt 34 Tagesetappen und zurückgelegten fast 800 km am Ziel in Santiago de Compostela. Was waren das alles für Momente auf diesem Weg und dazwischen mit Schmerzen, Gedanken, Gesprächen und Eindrücken. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr zurückhalten.

Dieser Weg hat mich verändert, Glaube, Hoffnung und Zweifel haben mich begleitet. Dieser besondere Moment in der Kathedrale hat alles an Entbehrungen zurückgegeben und die vielen positiven Eindrücke verstärkt. Dieser Weg und seine Umstände offenbaren mir mehr als ich für möglich gehaltn habe, vieles werde ich wahrscheinlich erst in den nächsten Wochen für mich entdecken.

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