Nach einem kurzen Frühstück ging es heute bei verhangenem Himmel zu der schlichten aber dafür eindrucksvollsten Pilgerstätte des Jakobsweges vor Santiago, dem Cruz de Ferro.
Der Ursprung dieser Pilgerstätte geht wahrscheinlich auf einen dem römischen Gott Merkur gewidmeten Altar zurück. Seit Jahrhunderten legen nun Pilger am Fusse dieses auf einem Eichenpfahl befestigten Eisenkreuzes aus ihrer Heimat mitgebrachte Steine nieder mit den Worten: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für meine Bemühungen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. So möge es sein.“
Der Anstieg zu dieser Stätte hatte es trotz der nur 377 Höhenmeter (von 1151m auf 1528m über NN) in sich. Kiefern wichen auf gerölligem Untergrund immer mehr buschgroßem Heidekraut sowie Ginsterbüschen. Es war nass und sehr kalt auf diesem Weg, das Kreuz erschien auf einem Hochplateau plötzlich im Sonnenlicht, das durch ein kleines Loch in einer sonst dichten Wolkendecke erschien.
Wir Pilgersleut spürten in diesem Moment die spirituelle Ausstrahlung dieses Ortes, bis – ja bis plötzlich ein Touristenbus aus Salzbergen in Nordrheinwestfalen auf einen nahegelegenen Parkplatz fuhr und eine Horde wildgewordener und mit Fotohandys bewaffneter Rentner auskippte, die in Windeseile den Steinhügel und sein Kreuz bevölkerten.
Mich erinnerte die Szene an turbulente Szenen auf dem Petersplatz, wo sich derartige Menschengattungen kreuz- und querfotografierend und in immer wieder neuformierten Kleingrüppchen unberechenbar in alle Richtungen bewegten. Nach ca. 30 Minuten war der Spuk vorbei und wurde durch eine lärmende Gruppe spanischer Pilger ersetzt, die die Ruhe des Kreuzes und seiner spirituellen Aura um weitere 15 Minuten störten.
Nun endlich war für uns der Moment gekommen, unsere mitgebrachten Steine mit inzwischen klammen und gefühllosen Händen zu platzieren und ein wenig in uns zu gehen. Ich war sehr bewegt. Viele Gedanken gingen durch den Kopf. Markus ging es glaube ich sehr ähnlich.
Nach gefühlt endlosen Momenten der Einkehr machten wir uns auf den Abstieg. Es galt immerhin 962 Höhenmeter (von 1518m auf 580m) abzusteigen, was unsere Gelenke und unser Konzentrationsvermögen bei gerölligem und trittunsicherem Untergrund stark beanspruchte. Bei dann sonnigen und deutlich wärmeren Außenbedingungen überschritten wir die Provinzgrenze von Kastillien und Leon nach Galizien. Das Panorama, die Reliefs der bewaldeten Berge sowie die Weitsicht waren schier atemberaubend.
Nach knapp 8 Stunden checkten wir in unserer Herberge ein und freuen uns nun auf unser Pilgermenü, das wir sicherlich wieder mit einigen weiteren Mitgliedern dieser besonderen Spezies einnehmen werden.
Ein Wort noch zu unseren Mitpilgern. Ich war sehr beeindruckt mit welchen körperlichen Beschwerden manche Mitpilger ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Genannt seien zum einen Mutter und Tochter, geschätzte 80 und 60 Jahre alt, die sich bereits gegen 6 Uhr aus Rabanal aufmachten, um den Weg nach Molinaseca vor Einbruch der Dunkelheit zu vollenden oder die Mittfünfzigerin, die trotz Kinderlähmung und nahzu steifer Beine keine Unterstützung annahm, um einen Bach zu überqueren, sondern mich stattdessen dabei anlächelte.
Respekt!