Etappe 1 (20): Von Mansilla de las Mulas nach Leon

Pünktlich um 07.30 Uhr klingelt der Wecker. Klingeln? Nein, es ist eine himmlische Melodie mit Vogelgezwitscher, die dennoch -lang genug gehört- auch den Stärksten dazu bewegt, aufzustehen. Wie hatte ich diese Melodie doch vermisst, war es doch die gleiche wie auch im letzten Jahr, auf Teil 1 unseres Jacobsweges.
Nun galt es wie immer schnell aufzustehen, um als erster das Badezimmer mit all seinen Vorzügen (…) genießen zu können. Ich drehte mich noch etwas schlaftrunken zur Seite, um die Aufstehabsichten meiner Mitstreiter antizipieren zu können. Ich hatte mir gestern bereits das zum Bad nächste Bett gekapert, man darf ja schließlich nichts dem Zufall überlassen. Mitstreiter? Warum gibt es hier nur ein weiteres Bett und wo ist Holger? Ach ja, unser Holger geht nun seinen eigenen Plänen nach. Schade! Holger, wir vermissen Dich!
Nun aber los, schnell angezogen, den Wanderlook hatte ich mir natürlich bereits zurecht gelegt, und runter zum Frühstück. Markus blieb aus irgendwelchen Gründen noch kurz allein. Wie immer startete ich mit etwas Saft, dann kam Toast. Ein Mitpilger empfahl mir, zerstoßene Tomaten in Olivenöl statt Butter auf das Toast zu machen und dann erst den leckeren Schinken draufzulegen. Ich tat es und es war himmlisch. Danach gab es den üblichen Cafe con Leche, etwas Obst, etwas süßes Blätterteiggebäck und ein Joghurt. Inzwischen war auch Markus da und aß … na, das erzähle ich in ein paar Tagen.
Nun noch einmal kurz aufs Zimmer (…) und dann ging es los. Es war ein Tag der emotionalen Besonderheiten.

Punkt 9 Uhr holte uns das Taxi und brachte uns zu unseren Startpunkt nach Mansilla. Wir fuhren exakt den Weg, den wir im Jahr zuvor (und damals noch zu dritt) ebenfalls im Taxi in der Gegenrichtung genommen hatten. Mir wurde ganz mulmig. Alles war so fern und gleichzeitig auch so nah.

Nun stiegen wir auf dem zentralen Platz in Mansilla aus. Von hier aus waren es nur wenige Meter bis zu unserer letzten Herberge. Sollten wir hingehen? Markus und ich sahen uns an. Wir brauchten nichts zu sagen, wir taten es.
Auf den Tag genau 46 Wochen nach unserer Abreise standen wir vor dieser ganz besonderen Herberge. Wir dachten an den Herbergsvater Javier, an meine zurückgelassenen Schuhe (Javier schrieb per Mail, ich möchte sie bitte dieses Jahr abholen, sonst würde er sie mir zuschicken, was nicht passierte), an unsere Mitpilger von damals, an unser letztes Abendessen mit viel Wein, an viele andere Dinge. Was war doch in diesen 46 Wochen alles passiert!!

Doch nun ging es endlich los. Unsere 20. Etappe ab St.-Jean-Pied-de-Port und unsere 1. in diesem Jahr startete mit dem ersten Schritt ab Mansilla. Die Geschichte der Jacobiner fand nun seine Fortsetzung:

Eigentlich waren die heutigen 19 km durch eher flaches Land keine Herausforderung. Der Weg führte in weiten Strecken parallel zu stark befahrenen Straßen und heruntergekommenen Gewerbegebieten sowie großen Bauruinen mit Blick auf Leon. Und dennoch war es für uns bewegend, wieder mit Sack und Pack dem nächsten Ziel entgegenzulaufen. Die Vegetation ist hier in Nordspanien etwa 2 Wochen hinter der in Braunschweig. Die Rapsfelder fangen gerade erst an zu blühen, die meisten Bäume sind noch unbelaubt, in der Ferne gelegene schneebedeckte Berge schicken ihr Schmelzwasser durch nun reißende Flüsse. Es ist tagsüber zwischen 5 und 15 Grad warm und unser Trinkwasser, der spanische Ziegenkäse sowie die Chorizo de Leon, eine typische spanische Salami, schmecken wärend unserer Rast unbeschreiblich gut.
Die eigentliche Herausforderung war das langsame Gehen. Wir genossen jeden Meter. Schnecken, Ameisen und Käfer überholten uns in einer Tour, doch es war uns egal. Nach sage und schreibe 6 Stunden (!!) waren wir wieder in unserer Unterkunft. In wenigen Minuten brechen wir auf, um uns auf die Suche nach dem besten Essen und Trinken vor Ort zu machen – so wie wir es auch im letzten Jahr tagtäglich taten.

 

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